N., den 20. August 1918. Verehrtester Herr Professor!

Wie ich von Hause höre, veröffentlichen Sie bald ein Buch über den bekannten Luftkurort Rengsdorf und seine Umgebung, und da. möchte ich diesem Buche, das offenbar auch viel Gutes stiften soll, ein kurzes Geleitwort mit auf den Weg geben. Mir ist als lang­jährigem Kurgast Rengsdorf bekannt. Der Arzt riet mir aber seit 2 Jahren, wegen meiner kranken Lungen, das hiesige Seebad an. So lernte ich die Licht- und Schattenseiten beider Kurorte kennen. In Rengsdorf mit seinen herrlichen Wäldern und seinen vielen und ab­wechselungsvollen Spaziergängen, wegen seiner freundlichen Menschen, war man vor Langeweile bewahrt; hier langweilt man sich, trotz der Konzerte, die überall hier geboten werden, wegen des Mangels an vielseitigen Waldpartien und wegen der einsilbigen Bewohner. Man liegt hier den halben Tag im Sande und liest. Ja, was liest man für Bücher?! O, wie viele verlieren hier zum ersten Male durch die Lektüre Glauben und Schamgefühl. Kinder sogar lesen die sitten- und glaubensgefährlichsten Bücher. Hier laufen viele großen und kleinen Kinder ohne jede Aufsicht umher, oft in halbnacktem Zustand. Man hält das für etwas Selbstverständliches und zur Gesundheit Not­wendiges. Die Lektüre ist also grade so, wie die Menschen sich im Aeußeren geben. Und trotz des blutigen Krieges laufen genug jüngere Lebemenschen hier herum, wohl sog. Kriegsgewinnler, die hier im Seebad im Vollen leben und ihr Geld an den Mann bezw. auch an die Damen bringen wollen, statt an der Front zu stehen. Hier sind Damen der Halbwelt, aber auch brave, harmlose Mädchen, ohne Mütterbegleitung, die keine Ahnung von der Schlechtigkeit der Welt haben. Da nun letztere ohne mütterlichen, ernsten Schutz bei ihren Ausflügen sind, geraten sie auf Abwege.Sage mir, mit wem Du umgehst, so sage ich Dir, wer Du bist oder was Du wirst!" Und wenn der Geist nicht an solchen Orten religiös gehoben wird, ist Müßiggang aller Laster Anfang!" Hier sind mir Dinge begegnet, die mir nie zu Rengsdorf begegnet sind. Der herrliche Wald ist dort wie ein heiliger Tempel Gottes, wie ein Schutzmantel, in dem der Mensch sich Gott näher fühlt und innerlich von selbst religiös ge­stimmt und vor Ausschweifungen bewahrt wird. Freilich, schlecht sein kann man überall, und gut bleiben ebenfalls. Auf beides aber hat die Umgebung und die religiöse Gleichgültigkeit oder das religiöse Gehobensein einen entschiedenen Einfluß.

Was wollte ich Ihnen nun mit meiner langen Epistel beweisen und sagen?

Heutzutage gibt man sich Mühe, mitten im Weltkriege durch Exerzitien für Arbeiter, Soldaten, Verwundete usw. einen ernsten religiösen Geist in die Menschheit zu bringen. Man sieht täglich, wie viele Menschen durch den Krieg verwildern und sittlich tiefer sinken. Es ist dann ja gradezu eine Notwendigkeit, daß allen 176