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S e ch s z e h n t e s Kapitel.
Ueber den Zustand des gesellschaftlichen Lebens, von 1273 bis 1517.
Wie viel besser in dein vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte, als in den frühem Zeiten, für die ersten Bedürfnisse des Lebens in unserer Gegend gesorgt war, davon zeugt die zurückgelegte Geschichte. An Gctraidc und Wein fehlte es selten. Alle sonnige Bergwände, auch am linken Rheinufcrbei Karlich und Kcttig waren mit Reben bedeckt, das Wild in unsern Wäldern, die im dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderte auch wilde Pferde nährten, wurde vermindert ^), und manches sonst noch von Wald beschattete Landstück war in fruchtbare Saatflur verwandelt worden, welche die Bevölkerung, die Viehzucht, die Zehnten, und die Nittcrmannschaft der Landesherr« vermehrte. In dem Jahre 1389 kostete das Fuder guter Rheinwein 8, 6 und 4 Gulden. Merkwürdige Jahre durch einen frühen Frühling nach kaum bemerkbarem Winter, und durch reiche Acrndte, waren 1289, 1328, 1420 und 142Z. Zur Belebung des Verkehrs wurden in unserem Wiedischen Rhcinlandc jährlich vor der Abtei Nomersdorf, und zu Dbcrdiber etliche Jahrmärkte gehalten. Eine auffallende Theurung des Gctraidcs und Weins wird von dem Jahre 136ll bemerkt °), da das Quart Rheinwein einen Schillingpfennig kostete. Ursachen dieses Mangels war theils ein Erdbeben in den Rheingegcndcn, welches ein Vierteljahr hindurch öfters wiederkehrte, theils eine weitverbreitete Beulenkrankheit, an welcher viele Menschen starben, und während welcher der Feldbau verabsäumt wurde. Ein großes Sterben herrschte auch 1349. An „Drusen" erlagen die Befallenen schon den dritten.Tag. In den größer» Städten am Rhein zählte man ein Vierteljahr lang täglich über hundert Todte, in kleineren zwanzig bis dreißig °). Diese verheerende Krankheit war eine Pest, die 1313 sich gezeigt hatte, aber 1348 und 1349, aufs Neue durch Handelsschiffe nach Europa gebracht, Millionen Menschen verzehrte. Man nannte sie die schwarze Pest und den schwarzen Tod. Viele ergriff sie wie ein Feuer, es hieß das heilige, und verbrannte die Kranken in kurzer Zeit bis auf die Gebeine. Sterbende schleppten ihre Todten zu Grabe, viele Leichname aber verwesten unbccrdigt. Der Eindruck dieses gräßlichen Elends war sehr verschieden; man versank entweder in starrem Entsetzen, brach in Angstgcschrei aus, und bestürmte den Himmel mit Bußübungcn, oder man überließ sich allen Lüsten und rauschenden Ergötzlichfeiten. Die unausbleibliche Gefährtin der Pest, Hungersnot!), wüthete nun auch unter den Gefunden, so daß viele sich an Aas crsättigtcn. Die Schuld des allgemeinen Jammers warf der wüthendc Wahn das Volk auf die Juden; diese sollten die Brunnen und die Luft vergiftet haben, und sie wurden „erschlagen von Fürsten, Herren, Grafen und Städtern" -). Vierzehn Jahre später -wurde die Acrndte in Teutschland überhaupt und besonders in den Nheinlandcn von Zughcuschrccken verwüstet -). Bald darauf schreckte die Menschheit ein neues Ucbcl, der Veitstanz; „St. Vitts Däntzer, heißt es '), erhüben sich um den Sommer 1374; ein wunderlich Ding, in'Teutschcn Landen, ahn dem Rhein, Mosclstrom, und in der Iegendt, also daß die Lcuth anhüben zu dantzen, als wan scy rasent wcren" u. s. w. Viele benutzten dieses Mittel für ihre Gewinnsucht und „daß scy mochten in Thnzugt lebbcn nach Willen." Das fünfzehnte Jahrhundert brachte noch andere zuvor unbekannte Ucbcl in unsre Lande, das englische Schweiß- siebcr, das viele aufrieb, den Scorbut, den Keuchhusten, den Wcichsclzopf und die Lustseuche ^). Das Jahr 1438 war eine schreckliche Hungerzeit. Die Stadt Köln hatte sich zu guter Zeit mit Getraide versehen, und während Viele anderwärts vor Hunger starben, sagt die Kölner Chronik, „do stachen vnse Heren yrre Korn vp ind gauen idt d'gcmynden vur IX marck. Bonne, Andernach ind Covclcnz mit den andern lcdcn groiß noit." Von geringeren Unfällen bemerken wir in dieser Periode mehrere furchtbare Eisgänge des Rheins nach harten Wintern, wie 1306 zu Anfang des Februars, 1408 gegen das Ende des Januars; 1432, da wiederholte Eisgänge geschahen, und besonders in der Gegend von Köln große Verwüstungen verursachten.
1) Dicß bezeugt die Urkunde Heinrich'« II. von Isenburg, 1263 2) «im!'. Chronik.
3) «mb. Ehron. S. Uoutli. rroäroni. ?. 1036. 4) Wyttenb. Gesch. von Trier, B. II.
Reck's Geschichte. 19
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